Peter Würl: „Kein feiner Zug“

Peter Würl und sein ganz persönliches Verhältnis zur Deutschen Bahn. Viel Spaß!

Text und Idee: Peter Würl

Kein feiner Zug

Wo in unserer aufgeklärten Zeit, in der bereits alles erschlossen scheint, lockt heute noch das Abenteuer. Wo wartet noch die Herausforderung des Unwägbaren? Im Fußmarsch durch die Sahara, in der letzten unerforschten Menschenfresserregion des Regenwaldes?

Nein, auch mitten unter uns, in der scheinbaren Sicherheit des Abendlandalltages kann man sich von dem Reiz der Gefahr verzaubern lassen, bei einer Fahrt mit der Bundesbahn.

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Erleben Sie dreidimensional und in Colour die Raubritter des Schienenstranges live mit, fahren Sie mit der Deutschen Bahn.

Hier ist jeder Zug noch ein Beutezug und die Preiserhöhungen treffen beim Fahrgast viel pünktlicher ein als die Züge am Bahnhof.

Der erfahrene Selbstmörder lehnt es schon lange ab, sich bei Wind und Wetter vor dem ICE zu werfen, zu leicht könnte er sich beim langen Warten eine Grippe einhandeln und statt einem kurzen schmerzlosen Tod ein langes, leidvolles Dahinsiechen erfahren.

Der Arbeitstitel für den Umgang mit dem Fahrgast lautet „VORAUSSICHTLICH“.

Voraussichtlich kommt der Zug etwas später; voraussichtlich bekommen sie noch ihren Anschluss; voraussichtlich wartet der Anschlusszug jetzt doch nicht; voraussichtlich werden die Fahrkarten demnächst etwas teurer und voraussichtlich fährt der Zug jetzt doch auf Bahnsteig vier ein und nicht auf Gleis eins, wie angesagt.

Also hurtig das Gepäck geschultert und im Schweinsgalopp durch die Unterführung nach Bahnsteig vier, von wo wir gerade noch die Rücklichter unserer Umsteigemöglichkeit zu sehen bekommen.

Voraussichtlich heißt nämlich vielleicht bei unserer  Geisterbahn, und wenn nichts dazwischen kommt; leider aber kommt meist etwas dazwischen; und der einzige Zug, der nicht aufzuhalten ist, ist der Siegeszug der Fahrkartenautomaten, dieses psychologische Kriegsführungsgerät eines Elektronikherstellers.

Die Frage, die uns hier beschäftigen sollte, lautet schlicht: „Wann wurde von der Menschheit unbemerkt der Zenit der technischen Entwicklung überschritten, wo lag diese zivilisatorische Wasserscheide, ab der alle Weiterentwicklungen nur noch in Richtung Wahnsinn führen?“

Blink, fiep, Fehler 4698, willkommen in der Postmoderne.

Hat man sich dann endlich entschlossen, seine Fahrkarte doch am Schalter zu kaufen, mit zwei Euro Aufpreis versteht sich, in einer Schlange von zehn Leuten, die ebenfalls nicht klarkommen mit den elektronischen Kastenteufel, dann ist die Abfahrtszeit des Zuges überschritten und , oh Hohn in Dosen, diesmal war der Zug pünktlich, weg ist er.

Warum kümmert sich der Vandalismus nicht mal um den allerorts grassierenden Automatisierungswahn, statt immer nur Bushaltestellen kaputt zu treten? Unreflektierte Bande!!!

Da gibt es einen Knopf für einen Einzelfahrschein, einen Knopf für einen Kurzstreckenfahrschein, ohne das dass dabeisteht, was eine Kurzstrecke ist, dann einen Knopf

für eine Mehrfahrtenkarte, dann einen Knopf für eine Tageskarte, einen Knopf für Hin und Rückfahrt, dann gibt es einen Fahrradkarte Knopf und dann gibt es noch mal einen Knopf für ein Schönes Wochenende Ticket. Dann gibt es einen Knopf für eine Ermäßigung mit Bahn Card und einen Knopf für ein Bayern Ticket. Und noch einen Knopf für die erste Klasse. Dann gibt es noch mal einen Knopf für Nahverkehr, einen für eine Monatskarte Verbundpreis, und dann gibt es einen Knopf für eine Wochenkarte mit Verbundpass und noch einen für die Mitnahme von Kindern oder Hunden mit einem Einzelfahrschein.

Da gibt’s noch mal einen Extra Mehrfachkartenknopf und noch mal einen Knopf für Hin und Rückfahrt. Dann gibt es auch für Kinder einen Knopf für Ermäßigung BahnCard und noch mal einen Knopf für Zuschlag erste Kalenderwoche Verbundpass und natürlich einen Zuschlag mit Verbundpass. Man braucht ungefähr acht Semester Studium des Fahrkartenautomaten und ein Zusatzdiplom um das Ganze zu verstehen.

Die Spirale, die bei der Achterbahn das flaue Gefühl im Magen verursacht, ist bei der Deutschen Bahn die Preisspirale. Und wenn etwas viel teurer wird, als angekündigt, so heißt es da.“ Wir sind gezwungen den Finanzierungsplan aufzustocken.“ Im Zug ist grundsätzlich Stehen angesagt und wenn es einen längeren Halt wegen eines Personenschadens gibt, war es diesmal vielleicht Jim Knopf, der auf Lukas den Lokomotivführer wartete und als er nicht kam, sich aus Verzweiflung auf`s Gleis geworfen hat.

Gewissensfrage!

Dürfen die Mitarbeiter der Bahn eigentlich mit dem Zug zur Arbeit fahren, oder sollen sie pünktlich sein?!

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Hier gibt es noch den Wahlspruch!

Der Weg ist das Ziel!

„Der vordere Zugteil fährt nach München der hintere nach Hamburg und die nächste Station ist die Intensiv Station, wir bitten die Fahrgäste dies zu entschuldigen.“

Ab und zu kommt es bei der Bahn zu voraussichtlichen Tiefpreisexzessen, die Fahrkarten werden auf eine Fußballmannschaft, ein Symphonieorchester, oder eine Bundeswehrdivision umgelegt, staffelweise immer billiger. Einfach, günstig, zügig! Doch mit diesem Dreisatz kann man nicht mal den eigenen Schweinehund hinter der Zentralheizung herauslocken, auch wenn die Spritpreise noch weiter ins Unermessliche steigen sollten.

 

Inzwischen gibt es auch Klassenunterschiede bei den Bahnhöfen: Hier der kleine Bahnhof, der auf `s Abstellgleis geschoben still und heimlich dem Vergessen anheim fällt.

 

Keinem Obdachlosen würde es jemals einfallen, hier seinen Hut aufzuhalten; die Chance tendiert gleich null, hier einen Obolus zu bekommen.

 

Der Fahrkartenschalter, längst verwaist, geöffnet nur von 11.00 Uhr bis 13.00 Uhr und auf der Toilette hängt ein Schild: „Verlassen Sie die Toilette, wie Sie sie vorzufinden wünschen“; und genauso sieht sie auch aus.

Ein Klobecken mit Kollateralschaden und den Spuren diverser Vollbremsungen. Dafür ist der Eintritt zum Abtritt angenehm günstig, mit zwanzig Cent sind sie dabei. Draußen unter dem Wellblechdach steht ein einsamer Reisender und friert dem letzten Interregio entgegen.

Dieser Bahnhof liegt buchstäblich in den letzten Zügen, ein Stiefkind der Bahn AG.

Doch da gibt es dann noch die Kontrastbahnhöfe, Einkaufshallen des Konsumrausches. Eigentlich wollte man nur zum Zug und findet sich plötzlich in der Teppichfliesen – Restescheune oder im Badelatschen – Discounter wieder. Ein verwirrendes Angebot, doch im ganzen Bahnhof findet sich nichts, was man nur annähernd  gebrauchen könnte. Seit dem die Wahn AG ihre Immobilien vermarktet, statt sie ihrem eigentlichen Zwecke nach zu betreiben, ziehen die Billig – Basare in die historischen Gebäude ein. Beim Vornehm – Kloo von „Mc Clean Point“, kann es schon mal sein, dass die Fahrgastgesichtszüge entgleisen, wenn man für einmal Pinkeln 1 Euro löhnen muss: Ein Ein – Euro Jobber mit schwacher Blase kommt hier nie auf einen grünen Zweig, wenn der gesamte Lohn schon für das Pinkeln draufgeht.

Nach dem Drehkreuz fühlt man sich irgendwie aufs Kreuz gelegt. Gegenüber kann man duschen und rasieren: Ein artverwandtes Terrorsystem, aber für ein paar Euro mehr, um den Reisenden das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Der „Fäkalbunker“ heißt jetzt „Hygienecenter“ und das kostet natürlich. Gebaut wird immer irgendwo am Schienennetz und ab und an heißt es da, wir sind auf der Strecke geblieben. Aber alles kein Problem, am Bahnhofsvorplatz wartet voraussichtlich schon der SEV, der voll gepfropfte Bus vom Schienenersatzverkehr und wenn man Glück hat, kriegt man noch einen Stehplatz auf seinem Gepäck. Aber „Hauruck die Hausfrau“!

So ist es, auch gerade in unserer an Herausforderung armen Welt möglich, sich dem täglichen Abenteuer Bahn AG zu stellen. Der Deutschen Bahn sei Dank!

 

DER ZUG IST ABGEFAHREN, ALLES EINSTEIGEN!

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